Kempowski, Tadellöser & Wolff

Die Ruine der Rostocker Jacobikirche 1949 (1)

Walter Kempowski, Tadellöser & Wolff. Ein bürgerlicher Roman (1971)
Ich muss gestehen, ich habe das Buch in zwei Tagen verschlungen und bin immer noch ziemlich beeindruckt. Und das nach anfänglicher Skepsis – der gleiche Stil wie im schon besprochenen „Uns geht’s ja noch gold“, was sollte da noch kommen? Zumal ich beim Titel „Tadellöser & Wolff“ immer an Zigarren und irgendeine harmlose Familiengeschichte im Dritten Reich gedacht hatte.

„Tadellöser & Wolff“ ist der vierte Band der „Deutschen Chronik“ und umfasst die Jahre 1938–1945. Ich-Erzähler ist der junge Walter, zu Beginn 9 Jahre alt. Ich muss die Handlung hier nicht zusammenfassen, das Buch ist oft genug besprochen worden. Nur ein paar Dinge, die mir aufgefallen sind, möchte ich erwähnen.

Was mich wieder am meisten gepackt hat: Kempowskis modern anmutender Stil mit der Abfolge kurzer, unverbundener Erzählpartikel. Bei ihm gibt es keinen kontinuierlichen Erzählfluss. Das Buch ist trotzdem oder gerade deshalb gut zu lesen. Kein Vergleich mit den Zeitgenossen Grass und Böll, die dagegen behäbig und altbacken wirken. Da fällt mir eigentlich nur Arno Schmidt ein, der ja mit ähnlichen „Snapshots“ gearbeitet hat.

Außerdem: Es gibt keinen Erzähler, der die Dinge für mich bewertet und kommentiert. Das Dritte Reich aus dem Mund eines 9-Jährigen – da muss man als Leser auf der Hut sein und man ist gefordert. Sowas mag ich!

Dann die Sprache. Diese zahllosen Floskeln und Redensarten – „Tadellöser & Wolff“ ist ja nur eine davon –, das stereotype Kalauern von Eltern, Geschwistern, Zeitgenossen. Das ist penetrant witzig und nervig. Und man ahnt, was Kempowski damit sagen will und die Romanfiguren verdrängen wollen: das Nachdenken nämlich, das Innehalten und das Reflektieren all des Schrecklichen, das in unmittelbarer Umgebung passiert. Keine so sympathische Familie also, wie ich anfangs vermutet hatte.

Und wie beiläufig der Haß auf die Juden erwähnt wird. Wenn man nicht aufmerksam liest, bekommt man selbst fast den Eindruck einer Idylle im Dritten Reich:

Nach dem Kino ging es ins Lesecafé. Dort saßen Freunde vom Jachtklub.
Juden unerwünscht! (S. 24)

So steht es da, ohne weiteren Kommentar. Niemand scheint es zu bemerken, niemand spricht darüber, niemand regt sich auf. Als sei es nicht der Rede wert. Ähnlich an anderen Stellen: Einmal heißt es, eine jüdische Nachbarin habe sich vom Balkon stürzen wollen. Ohne weiteren Kommentar.

Auch die Eltern und die Familie Kempowski werden nicht geschont. Ihr alltäglicher Rassismus zeigt sich immer wieder, wird aber ebenfalls vom Erzähler nicht kommentiert. Wenn der Mutter etwas an ihrem Mann nicht gefällt, schiebt sie das auf „das Polnische“ in seiner Abstammung. Wenn sie seinen Geiz kritisiert, fordert sie die Kinder auf:

Wir sollten ihn mal von der Seite ansehen, ob wir nicht auch meinten, daß in seiner Familie irgendwann mal ein Jüdlein durchgegangen sei? (S. 93)

Immer wieder ist gesagt worden, Kempowski verharmlose durch seine fehlende Wertung. Aber ich glaube, das trifft es nicht. Es sind die Figuren selbst, die alles verharmlosen, die Augen verschließen und den Abgrund nicht sehen (wollen). Und genau das hat Kempowski hier dargestellt, und zwar meisterhaft.

Wenn die Bomber zu neuen Luftangriffen auf Rostock im Anflug sind, drohen Tod und Zerstörung. Aber die Romanfiguren ertragen es – jedenfalls nach außen hin – wie eine Naturgewalt, wenn die „Luftpiraten“ angreifen. Nichts bringt sie ins Grübeln oder gar zum Zweifeln. Und der Begriff der „Luftpiraten“ ist ja schon an sich eine Verschleierung und Verharmlosung, so als seien das Freibeuter oder Gesetzlose, die da angreifen. Wie überhaupt der Krieg für sie eher eine organisatorische Herausforderung zu sein scheint:

Im Keller der Schule wurden Volksgasmasken ausgegeben.
‚Fabelhaft, wie das organisiert ist!‘
Ob Kinder auch eine haben müßten? (S. 78)

Von Angst, Schrecken oder wenigstens Sorgen keine Spur. Und Walter, der Schüler, wünscht sich direkt einen neuen Fliegeralarm, damit die Lateinarbeit ausfällt. Das alles ist heute, wo wir das Ende kennen, nur sehr schwer nachzuvollziehen.

Beim Skatspielen später redet die Familie so ganz nebenher über den Krieg und die verheerenden Luftangriffe. Allein dieses Nebenher spricht schon Bände. Sie sind empört und verstehen nichts, gar nichts. Früher, sagt der Vater, wäre der Luftkrieg „noch mehr so sportlich gewesen“, aber heute:

Eine ganze Stadt zu verwüsten – ein Rätsel, wie es soweit habe kommen können. Völlig unverständlich. Die schöne Petrikirche. Und Jakobi. Nicht zu fassen.
(S. 153)

Auch über KZs wird gesprochen:

Dann dämpfte man die Stimme und schaute sich um.
Im Nachbarrevier habe man KZ-Häftlinge arbeiten sehen. ‚Fahren Sie schnell weiter‘, habe der SS-Mann gesagt.
Die hätten böse ausgesehen. Schlimm.
‚Konzertlager‘ wurde gesagt, und: ‚Das rächt sich‘.
Aber bloß den Mund halten – ‚Junge, hörst du?‘ – Herr Hitler müsse es ja wissen. (S. 159)

Das wars dann aber auch schon mit dem Thema. Allein das humorige Wort vom „Konzertlager“ lässt schaudern und verrät die Tendenz. Es ist diese schaurige Gemütlichkeit, die den Leser fassungslos macht, diese Humorigkeit, diese Obrigkeitshörigkeit, die alles gelassen über sich ergehen lässt, sich im Recht fühlt, keiner Schuld bewusst.

Letztlich ist das Buch mit all seinen Zitaten, Detailbeobachtungen, Witzen, Gesprächen, Redewendungen, Schlagertexten, Zeitungsmeldungen aus dem Dritten Reich vor allem eine beeindruckende und bedrückende Mentalitätsgeschichte des deutschen Bürgertums. – Und natürlich eine packende Lektüre!


Walter Kempowski: Tadellöser & Wolff. [Ein bürgerlicher Roman.] Augsburg: Weltbild, 2004. Der Untertitel fehlt in der Weltbild-Ausgabe. Erstveröffentlichung 1971.


Anmerkungen und Links

(1) Foto: Dr. Wolfgang Baier (Wikipedia)

(2) Stellenkommentar von Lars Bardram bei der Kempowski-Gesellschaft

(3) Figurenlexikon von Eva D. Becker bei literaturlexikon online

(4) Eine schöne Blog-Besprechung findet sich bei Wolfgang Schnier.

(5) Zu Kempowski siehe auch: Gerhard Henschel: Da mal nachhaken: Näheres über Walter Kempowski. München: dtv, 2009. Meine Besprechung siehe hier.

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