Kempowski, Heile Welt

Walter Kempowski, Heile Welt (1998)
Ein weiterer Roman Kempowskis, der meine Erwartungen weit übertroffen hat. Eigentlich hatte ich nicht vor, das Buch hier zu besprechen, als ich mit der Lektüre begann. Ich wollte nur mal reinschauen. Zu beschaulich der Titel und zu harmlos die Geschichte, die mir der Klappentext verhieß:

Ein nicht mehr ganz junger Mann tritt in einem idyllischen Heidedorf seine erste Lehrerstelle an. Das Landleben verläuft im gemächlichen Takt der frühen sechziger Jahre, die idyllischen Impressionen erweisen sich aber zunehmend als trügerisch. Unter der Oberfläche ist vieles anders, als es scheint. Kaum einer der Landbewohner, auch nicht der gefürchtete Schulrat, hat eine ganz reine Weste, und der berühmte Maler – ein Naziopfer, wie erzählt wird – ist bei nüchterner Betrachtung alles andere als ein antifaschistischer Held. Die kleinen Skandale und Verfehlungen werden fein säuberlich unter der Decke gehalten. Die heile Welt ist alles andere als heil.

Das ist nicht falsch, aber natürlich auch banal. Dass es die „heile Welt“ nicht gibt, ist ja keine ganz neue Erkenntnis. Aber wie Kempowski dieses „idyllische Heidedorf“ aus den Sechzigern beschreibt, wie er es regelrecht auseinandernimmt, das ist schon ganz besonders. Und das hat mich beim Lesen in den Bann gezogen.

Das Buch handelt vom ersten Jahr des 30-jährigen Lehrers Matthias Jänicke im niedersächsischen Dorf Klein-Wense, irgendwo zwischen Bremen und Hamburg. Seine Ausbildung ist noch nicht beendet, weitere Unterrichtsbesuche und Prüfungen stehen bevor. Für ihn ist es im April 1961 ein Neuanfang, sein „dritter Lebensstart“. Er kommt aus der „Ostzone“, hat dort im Knast gesessen – wofür allerdings wird nie so recht klar. Parallelen also zu Kempowski selbst, nur dass der schon verheiratet war, als er aufs Land ging. Alle im Dorf begegnen ihm einigermaßen freundlich, aber er ist und bleibt doch ein Außenstehender, und so wird er auch zum Beobachter und Schilderer dieser kleinen Welt, wo sich wie unter dem Brennglas die Licht- und Schattenseiten der Wirtschaftswunderjahre der Bundesrepublik zeigen.

Natürlich ist die heile Welt sehr unheil, weil unter der idyllischen Oberfläche aktuelle oder alte ungelöste Konflikte, Skandale und Verfehlungen schwelen – das Dritte Reich ist noch nicht lang vorbei und da ist auch in diesem kleinen Dorf viel passiert. Die so unscheinbare dörfliche Landstraße sei 1945 „die Todesstraße gewesen“, erinnert der Erzähler schon zu Beginn. Kaum einer im Dorf hat eine reine Weste. Es wird nie offen geredet, immer nur hinter vorgehaltener Hand und hinter dem Rücken der anderen. Jeder weiß oder ahnt, was der Nachbar oder die Nachbarin im Dritten Reich getan oder nicht getan hat.

Aber es ist eben nicht nur das Dritte Reich, das an jeder Ecke des Dorfes Spuren, ungesühnte Verbrechen oder Geheimnisse hinterlassen hat. Es ist die Geschichte überhaupt. Wenn Jänicke sich in seinem Schulhaus umschaut, und den heimeligen Dachboden bewundert, auf dem er sich spontan wohlfühlt, mischt sich der allwissende Erzähler ein:

Was Matthias nicht ahnen konnte: Hier oben hatte sich einer seiner Vorgänger an einem Dachbalken erhängt. Das war schon lange her, eine unglückliche Liebesgeschichte, von der gelegentlich noch geraunt wurde. (S. 45)

Die Idylle, soll das wohl heißen, ist nur möglich, wenn man Geschichte nicht erinnert, nicht kennt. Jede imposante Eiche draußen in der Natur kann als Galgen für Bauern gedient haben, und sei es im Dreißigjährigen Krieg. Und wenn es heißt:

Klein-Wense war ein geschichtsloses Haufendorf, ein Dorf aus Häusern voll Geschichten, (S. 32)

dann kann man das nach all dem nur ironisch verstehen. Idylle gibt es bei Kempowski nicht, und wenn, dann ist sie ironisch gebrochen, wie im folgenden Beispiel. Als der Pastor Jänicke ein Hünengrab im Wald zeigt, das zur Nazi-Zeit eine Thing-Stätte gewesen sei, stimmt er voller Sentimentalität das alte Volkslied vom „lieben Elslein“ an:

Matthias hörte sich das ein wenig gerührt an, aber als der Pastor die zweite und dritte Strophe anschloß, war es doch ein bißchen peinlich. Vielleicht hatte es damit zu tun, daß er zwischen den Bäumen ein gebrauchtes Präservativ entdeckte. (S. 80)

So sieht Idylle bei Kempowski aus.

Und auch hier findet man die typische Erzählweise Kempowskis wieder. Zwar ist es dieses Mal kein jugendlicher, naiver Ich-Erzähler, sondern ein allwissender Erzähler, der das Wissen um die Geschichte des Ortes seiner Hauptfigur voraus hat, aber auch hier wird eben nicht gewertet oder moralisch gedeutet. Wenn Jänicke eine Affäre mit der 11 Jahre jüngeren Nachbarstochter beginnt, die in Kürze heiraten wird, dann wird das lediglich geschildert – wobei die Bettszenen nicht unbedingt zu den Stärken Kempowskis gehören –, nur der Pastor richtet mahnende Worte an Jänicke. Ausgerechnet der Pastor, der seinerseits …, aber ich will nicht alles verraten. Der Erzähler jedenfalls überlässt die Wertung dem Leser.

Der Roman ist also weit vielschichtiger, als es der Titel verheißt. Es geht natürlich auch um Erziehung, um die Pädagogik der Zeit. So ist die Prügelstrafe in den Schulen zwar seit kurzem verboten, aber die Eltern, der Bürgermeister und selbst der Schulrat machen Jänicke klar, dass sie das nicht so eng sähen. Manchmal seien Prügel eben notwendig, da solle er sich keine Gedanken machen und bloß nicht zimperlich sein. Und einige Passagen über Pädagogik und Unterrichtsplanung haben fast schon satirische Qualität. Nicht nur dass die Lehrer gern zur Flasche greifen, wenn kein Schüler in Sicht ist. Überhaupt kommt der Humor in diesem Roman nicht zu kurz.

Es geht zudem um das Verhältnis zur Natur – wie ausgerechnet die Dörfler am Waldrand ihren Müll ablagern oder wie sie uralte Platanen an der Straße fällen lassen. Der Bürgermeister rechtfertigt sich:

ob Matthias eigentlich wüßte, wieviel Dreck solche Bäume machten?, jeden Herbst das ganze Laub? Der Museumsleiter habe gesagt: Platanen – die passen doch gar nicht in unsere Gegend. (S. 446)

Es geht also um Modernisierung in vielerlei Hinsicht. So werden nicht nur alte Gebäude abgerissen, auch „die alten Lieder“ beim traditionellen Laternegehen der Kinder werden allmählich durch Schlager ersetzt:

die Muttis, die fanden das flott. (S. 394)

Letztlich rekonstruiert Kempowski kritisch, ironisch und bisweilen schon satirisch eine Welt, eine Mentalität und eine Atmosphäre bis in ihre kleinsten Details, auch die der Dinge, ohne eine Spur von Nostalgie oder Verklärung. Und dazu gehört unbedingt und das ganze Buch hindurch die gesprochene Sprache, wie man an folgendem Beispiel sieht. Jänicke ist abends bei Bauern eingeladen:

Mit Wettergesprächen ging’s weiter. Ein Bauer meinte, meist regne es freitags oder sonnabends, ‚… ich weiß auch nicht …‘.
Ein anderer vertrat die Ansicht, im Winter kämen meist die gleichen Grade wie im Sommer, nur im Minus. Bevor der was sagte, machte er erst mal ’ne Weile den Mund auf. (S. 189)


Walter Kempowski: Heile Welt. München: Knaus, 1998.


 

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