Henschel, Da mal nachhaken

Gerhard Henschel: Da mal nachhaken: Näheres über Walter Kempowski (2009)
Es ist schon merkwürdig. Walter Kempowski (1929–2007) hat unzählige Preise erhalten, in Rostock wurde ein Denkmal für ihn errichtet, ein Archiv, eine Straße ist nach ihm benannt, seine Werke wurden verfilmt und millionenfach gelesen, aber von den Medien und der Literaturwissenschaft wurde er jahrzehntelang missachtet und geschmäht, als Unterhaltungsschriftsteller abgetan, als schreibender Dorfschullehrer, als Kleinigkeitskrämer und sammelwütiger Zettelkastenfanatiker, ja sogar als Verharmloser des Holocaust.

Gerhard Henschel, Jahrgang 1962, der Walter Kempowski persönlich gekannt hat, geht vor allem im zweiten Kapitel seines Buches (Überschrift: Das Image) der Frage nach, wie es dazu kam. In dem Porträt, das er von Kempowski zeichnet, finden persönliche Erinnerungen ihren Platz zwischen zahlreichen bislang unveröffentlichten Dokumenten.

„Es fing damit an,“ sagt Henschel,

daß die Kritiker den Schriftsteller Kempowski als kauzigen Außenseiter darstellten, dessen bedächtige Arbeitsweise im zukunftsfrohen Zeitalter kulturrevolutionärer Happenings hoffnungslos überholt und schlafmützig wirken mußte, wenn nicht geradezu krankhaft oder bestenfalls irgendwie drollig. (S. 21)

Politisch galt er vielen Kritikern als unsicherer Kantonist, seit er in seinem Roman „Uns geht’s ja noch gold“ (1972) giftige Zitate aus antikommunistischem Munde gegen die „Bonzen“ auf der anderen Seite formulierte:

Die lebten wie die Made im Speck und predigten den Sozialismus. (S. 26)

Selbst Eberhard Fechners gerühmte Verfilmungen ließen Kempowski in einem fatalen Licht erscheinen und machten ihn erst recht zum gefälligen Unterhalter. Walter Jens zum Beispiel kritisierte:

Von Lagern und Millionen von Toten, von Verbrennungsöfen und Foltern ist nicht die Rede. (S. 27)

Die Linken hatten sowieso ihre Schwierigkeiten mit ihm, der als Stalinismusopfer seine Jugend im Bautzener Knast verbracht hatte, keinen Hehl aus seiner Kritik an der DDR machte und sie in einer Talkshow als „ein einziges großes Gefängnis“ bezeichnete. Er war mit seiner Vergangenheit ganz und gar nicht gern gesehen im linksliberalen Kulturmilieu. So kolportierte die Zeitschrift „konkret“ im Mai 1980 ein Gerücht, er habe sich aus

Angst vor ‚den Russen‘ im Garten seines Nartumer Hauses einen Flucht-Tunnel gegraben, mit geheimem Ausgang. (S. 33)

Das war nachweislich falsch, aber es passte zum Image. Wie Henschel sagt: „Kempowski biederte sich nicht an, und er hatte die Folgen zu tragen.“ (39)

Die Literaturwissenschaft behandelte ihn nur so nebenher, als einen, der das Niveau eines Günter Grass nie erreichen werde oder politisch auf der falschen Spur war. Auch „Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur“ war da keine Ausnahme. Henschel demontiert in seinem Buch mit leichter Hand die aus heutiger Sicht haarsträubende oder auch sachlich falsche Argumentation etlicher Literaturwissenschaftler. Das ist streckenweise polemisch, oft sehr treffend und immer unterhaltsam geschrieben.

Henschel zitiert auch Ingeborg Drewitz, Gerd Fuchs und andere damalige Prominente. Günter Blöcker schrieb:

Russeneinmarsch, Hunger, Plünderung, Vergewaltigung, Verschleppung, Demontage […] – alles das gewinnt bei Kempowski eine ganz unangemessene Harmlosigkeit (S. 67).

Sie alle vermissten einen Romanhelden, der „die richtige Partei ergriff“, und sie verstanden – z.B. in „Uns geht’s ja noch gold“ – die Wahl eines halbwüchsigen, naiven Ich-Erzählers als Verharmlosung des Nationalsozialismus, als Sympathie für die falsche Seite. Kempowski dagegen setzte von Anfang an auf den mündigen Leser, der aus den Schilderungen des naiven Erzählers seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Und so geht es mit den Vorwürfen fort bis hin zum „Echolot“.

In weiteren Kapiteln des Buches, auf die ich hier nicht eingehen möchte, thematisiert Henschel Kempowskis „Arbeitsmacke“, sein Verhältnis zu Frauen, den Pädagogen Kempowski, „Die Schuld“ und das „Haus Kreihenhoop“. Henschels Buch liest sich unglaublich gut, sogar witzig, trotz aller Fußnoten und Zitate. Man spürt die Freude, mit der er Kritiker widerlegt, ohne Kempowski zu glorifizieren. Leider ist die Ausgabe momentan vergriffen und nur antiquarisch oder in Bibliotheken zu beschaffen.


Gerhard Henschel: Da mal nachhaken: Näheres über Walter Kempowski.
München: dtv, 2009.


 

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