Herrndorf, Arbeit und Struktur

Das Berliner Strandbad Plötzensee (1)

Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur (2013)
Was schreibt man über solch ein bewegendes Buch, in dem ein Schriftsteller den Verlauf seiner tödlichen Erkrankung und seine letzten Lebensjahre tagebuchartig protokolliert?

Darf man so ein Buch kritisieren oder loben, wie man es mit „Tschick“ oder „Sand“ tun würde? Darf man sich um Satzbau, Sprache, Inhalt oder Konzeption kümmern, wenn es für den Autor um Leben und Tod geht? Darf man ihn kritisieren, wenn er sich offene Empathie rigoros verbittet wie im Falle einer Bekannten, die ihn mit „belegter Stimme“ anruft? Weil sie seine so mühsam aufrechterhaltene Verdrängung durchbricht und ihn damit zur Verzweiflung treibt?

Darf man das? Ich habe meine Zweifel. Der Blog sollte ja zunächst lediglich ein Mittel zum Zweck sein, um Zeit für die eigentliche Arbeit zu gewinnen, für die noch geplanten letzten Bücher. Anfangs ein geschlossener Blog für einen kleinen Kreis von Lesern, später erst hat H. ihn für alle geöffnet. Kein eigenständiges Kunstwerk also, wie seine anderen Romane, sondern ein Hilfsmittel.

Schon die Gattung zu bestimmen, macht ja Probleme. Die Berliner Stadtbibliotheken sortieren es in die medizinische Abteilung ein. Aber das trifft ja nur einen Teil des Inhalts. Natürlich beschreibt Herrndorf die medizinische Seite und den Verlauf seiner Erkrankung.

Aber es geht auch um Physik, Philosophie, den Freundeskreis, um Sport, Mathematik, Musik, Filme und immer wieder um Literatur, auch Jugendliteratur, den Sinn von Literatur. Er schimpft auf die formlose Schwadronierprosa Uwe Tellkamps, auf Martin Walser, den „vielleicht senilsten Sack der deutschen Literatur“, und er liest noch einmal Bücher, die ihn beeindruckt haben (siehe die Liste unten).

Aber viel bemerkenswerter ist ja die Art und Weise, wie er mit seinem Schicksal umgeht. Diese bewundernswerte Mischung aus Offenheit, Ehrlichkeit, Selbstanalyse, tiefster Verzweiflung, Wahnsinn, Humor und Witz und winzigen Details aus dem Alltag, die so viel über ihn selbst verraten – wie die Szene mit einem sterbenden Insekt, der Libelle, ganz am Schluss:

Ich platziere einen winzigen Wassertropfen nah an seinen Mund und beobachte lange die vielleicht nur noch vom Wind bewegten Arme.
Sie ist tot.
Ich schiebe den Leichnam in eine Streichholzschachtel. Mit C. bestatte ich die Libelle am Ufer.

Da steht soviel zwischen den Zeilen, soviel Unausgesprochenes, dass man als Leser schlucken muss: „kalt erwischt“, hätte Herrndorf wohl gesagt. Selten hat mich ein Buch so erschüttert.


Anmerkungen und Links


(1) Foto: Richardfabi/Wikipedia. Artikel „Plötzensee“

(2) Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur. Hamburg: Rowohlt, 2013.

(3) Der Blog „Arbeit und Struktur“ im Netz

(4) Literatur, die WH erwähnt, meist lobend (Auswahl)
Dostojewski, Der Spieler (S. 14)/Der Idiot/Schuld und Sühne (S. 44)
Mann, Buddenbrooks / Zauberberg (S. 25f.)
Poe, Arthur Gordon Pym (S. 44)
Berck, Sommer in Lesmona (S. 44, 428)
Proust, Im Schatten junger Mädchenblüte (S. 44)
Hamsun, Hunger (S. 44)
Capote, In Cold Blood (S. 44, 202)
Duve, Dies ist kein Liebeslied (S. 44, 387)
Salinger, Der Fänger im Roggen (S. 45)
Goethes Briefe (S. 48)
Goethe, Zueignung (S. 48))
Beckett, Murphy (S. 54)
Brontë, Jane Eyre (S. 58)
Hesse, Unterm Rad (S. 71)
Musil, Fliegenpapier/Hellhörigkeit (S. 72, 424)
Händler, Sturm (S. 79)
DeLillo, Weißes Rauschen (S. 104)
Nabokov, Lolita (S. 163)
Nabokov, Autobiografie (S. 176)
Wallace, Consider the Lobster (S. 179)
Flaubert, Bovary (S. 184)
Stendhal, Rot und Schwarz (S. 188)
Goetz, Abfall für alle (S. 200)
Reventlow, Herrn Dames Aufzeichnungen (8.10.2011)
Eugenides, Middlesex (15.10.2011)
Kristof, Trilogie (Das große Heft, Der Beweis, Die dritte Lüge) (21.12.12)
Nabokov, Verzweiflung/Lushins Verteidigung (S. 202, 208)
Moritz, Karl Philipp (S. 205, 292)
Poe, Arthur Gordon Pym (S. 212)
Kracht, Faserland (S. 314)
Naters, Königinnen (S. 336)
Naters, Lügen (S. 336)

Jugendliteratur
Sachar, Holes („Löcher – Die Geheimnisse von Green Lake“) (S. 52)
Günter, Heim (S. 52)
Twain, Huckleberry Finn (S. 52)
Kinney, Diary of a Wimpy Kid (S. 52)
Kästner, Das fliegende Klassenzimmer (S. 188)
Schmidt, Pik reist nach Amerika (S. 188)

(5) Erwähnte Filme
 (Auswahl)
Crank 2 (S. 41)
Die Sopranos (S. 47)
Welcome to the Dollhouse (Dawn Wiener) (S. 49)
Toy Story 3 (S. 83)
Uncle Boonmee (S. 150)
Budd Dwyer (The Final Speech of Budd Dwyer) (S. 210)
Honest Man: The Life of R. Budd Dwyer (Doku) (S. 210)
Lars von Trier, Melancholia (S. 271)
Grizzly Man (Werner Herzog) (S. 275)
Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte (P. Considine) (S. 286)
Carnage (dt. „Der Gott des Gemetzels“, R. Polanski) (S. 287)
Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (S. 287f.)
Kopfleuchten (S. 439)

(6) Die Bücher in Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“

(7) Mehr über die Filme bei Herrndorf

(8) Arbeit und Struktur: Wolfgang Herrndorfs Netzwerk

(9) Herrndorf beim Rowohlt-Verlag

(10) Besprechungen bei Marion auf schiefgelesen.net oder bei Petra auf Gute Literatur

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