Regener, Wiener Straße

Sven Regener, Wiener Straße (2017)
Um es gleich zu sagen: enttäuschend auf der ganzen Linie! Ich habe in den 80er Jahren in der Wiener Straße gewohnt und war neugierig darauf, sie hier wiederzufinden. Bei Sven Regener ist sie aber nur eine Art Platzhalter, so wie auch die anderen Orte: Naunynstraße, Ratiborstraße, Ohlauer Straße oder der Spreewaldplatz. Es ist bloßes Namedropping, mehr nicht. Es geht nicht um diese Straße oder ihre Bewohner, sondern es geht um ein paar ausgewählte, skurrile Typen, und zwar um solche, die möglichst viel hergeben für die Comedy, die hier aufgeführt wird. Das war die erste Enttäuschung.

Enttäuschung Nr. 2: Der angestrengte Versuch, permanent witzig zu sein, wirkt ermüdend und irgendwann schal. Eine „Nummernrevue“ nennt es der Deutschlandfunk.  Comedy über 300 Seiten, das kann nicht gut gehen. Hier jedenfalls geht es nicht gut. Allein schon die Namen der Personen sprechen Bände und zeigen, wohin hier die Reise geht: Dr. Votz, der Galerist P. Immel von der Galerie ArschArt, Kacki (Karsten), ein lebendes Bild nennt sich „Kacki am Dampfen“ usw. Wer so etwas allerdings lustig findet, sollte das Buch lesen – unbedingt.

Die Figuren sind Karikaturen, sie sind um ihrer schrägen Wirkung, ihrer bemüht witzigen Dialoge willen da, nicht, weil sich der Autor für sie und ihr Leben ernsthaft interessiert. Sie haben kein Herz, keine Seele, keine Tiefe – man kann nicht mit ihnen fühlen. Der „Künstler“ H.G. beispielsweise bliebe als Mensch völlig blass, wenn er nicht Kettensäge und Axt für seine künstlerischen Aktionen kaufen und damit allerlei Unfug treiben würde.

Enttäuschung Nr. 3: Wer denkt, hier würden die 80er Jahre mit ihrem Zeitkolorit lebendig, der täuscht sich gewaltig. Keine Rolle spielen hier: Politik, Musik, Kino, Sport, Literatur usw. Oder wenn, dann nur als Hilfsmittel für weitere Gags. So dient der schwere „Mitfühlbauch“, den Erwin sich für einen Tag umhängt, weil seine Helga schwanger ist, lediglich als Vorwand für weitere Späße – ein Running Gag auf Stammtischhöhe.

Man schaue zum Vergleich vielleicht in einen der Martin-Schlosser-Romane Gerhard Henschels, dann sieht man den gewaltigen Unterschied. Hier das Bemühen, eine Zeit, einen Zeitgeist lebendig werden zu lassen mit politischen Bemerkungen, Zitaten aus der Presse, Musik, Witzen, Beziehungsdiskussionen, sprachlichen Eigenarten etc. – und dort die Comedy, wo es um den Witz, besser: Klamauk an sich geht. Koste es, was es wolle. Da muss zur Not dann auch mal eine Kettensäge her.

Enttäuschung Nr. 4: ein schier endloses, leeres und enervierendes Gerede, voller Phrasen, von ernsthaften Gesprächen über ernste Themen weit und breit keine Spur. So also soll es gewesen sein in Kreuzberg damals? Glaub’ ich nicht. Man kann die Probleme, den Ernst des Lebens erahnen, aber thematisiert werden sie nicht – würde ja auch den Spaß verderben. Siehe die Schwangerschaft Helgas, die Hausbesetzer, die Junkies, die Polizei und und und. Wie sagt Wiemer zu seiner Freundin Britta:

Schnell rein, schnell raus, bevor sie einen mit ihrem Geschwätz töten.

Enttäuschung Nr. 5: die Sprache: schlicht, anspruchslos, sorglos. Da ist Erwin „eindeutig der Schwangerere von beiden, so wie er watschelte“, Chrissie antwortet „pampig“, ein Cafékunde ist ein „Klugscheißer“ oder man darf mit der Kettensäge „sägen, bis der Arzt kommt“:

H. R. hob die Säge und gab ein bisschen Gas, brummbrumm, sie hatte einen schönen, satten Sound.

Das alles ist sprachlich und inhaltlich schon sehr einfach gestrickt.

Einziger Lichtblick: der Berliner Jargon, den Regener gelegentlich sehr genau trifft. Aber auch er dient letztlich dazu, die sechs Handwerker, die ihn sprechen, im lustigen Licht erscheinen zu lassen. Sie versammeln sich nämlich staunend um eine altertümliche Kaffeemaschine und berlinern drauflos.

Fazit also: Enttäuschend auf der ganzen Linie. Manchmal witzig, ja, manchmal schöne Dialoge wie der zwischen H.G und der Baumarktkassiererin, ja, aber insgesamt flach, leer, mit wenig Substanz. Man fragt sich letztlich, warum man sich mit all diesen Figuren abgeben soll, wenn schon der Autor kein Interesse, geschweige denn Sympathie für sie erkennen lässt.


Sven Regener: Wiener Straße. Berlin: Galiani, 2017.


Links

(1) Zur Webseite von Sven Regener

(2) Interview mit der ZEIT über „Wiener Straße“

(3) Eine Leseprobe findet sich hier.

(4) Eine sehr positive Besprechung findet man bei Petra im LiteraturReich.

(5) Eine weitere, etwas verhaltenere Kritik bei Frank. O. Rudoffsky

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.