Levithan, Letztendlich sind wir dem Universum egal

David Levithan: Letztendlich sind wir dem Universum egal (2014)
Wenn man selbst keine Kinder hat, gehen neue Kinder- und Jugendbücher meist völlig an einem vorbei. Man bekommt einfach nichts mit von ihnen, und das ist häufig, so auch in diesem Fall, ziemlich schade. Denn oft haben sie ganz besondere Themen und Perspektiven, und vor allem: Sie sind einfallsreich und originell geschrieben.

„Letztendlich sind wir dem Universum egal“ erzählt so eine ganz besondere Geschichte.  A, der 16-jährige Ich-Erzähler, hat keinen richtigen Namen, kein Geschlecht, keine Familie und wacht jeden Morgen in einem anderen Körper eines anderen Menschen auf, etwa gleichalt, wohnhaft in der näheren Umgebung. So war es in seinem ganzen bisherigen Leben, er hält das für normal, es passiert wie nach einem Naturgesetz, ohne dass die Gründe klar sind. Es passiert eben einfach.

Das Buch schildert die Tage 5594 bis 6034 im Leben von A, jeder Tag ist ein Kapitel für sich, jeder Tag ein anderer Körper, insgesamt 40 also im Verlauf der Handlung.

A hält sich an ein paar Regeln: Bleibe unauffällig; hinterlasse keine Spuren im Leben des Anderen; versuche nicht, sein Leben zu verändern. 16 Jahre lang geht das gut. Bis A sich verliebt, und zwar in das Mädchen Rhiannon. Er erwacht eines Tages im Körper von Justin, Rhiannons Freund, ein richtiger Macho und unangenehmer Zeitgenosse:

Als ich Justins Bücher aus seinem Spind nehme, spüre ich jemanden im Hintergrund. Ich drehe mich um, und das Mädchen, das da steht, ist durchsichtig wie Glas, was ihre Gefühle angeht – zaghaft und erwartungsvoll, nervös und voller Bewunderung. […] Sie ist hübsch, aber das sieht sie nicht. Sie versteckt sich hinter ihren Haaren, ist glücklich und unglücklich zugleich bei meinem Anblick. (S. 11)

Was hier beginnt, ist eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Die Grundidee des ganzen Buches, der tägliche Wechsel des Körpers, ist vollkommen fantastisch, aber der Rest ist realistisch bis hin zu all den Konsequenzen, die sich aus der Idee ergeben. Oder, wie es im Verlagstext heißt: „ein fantastischer Roman, wie er realistischer nicht sein könnte“.

Für A stellt sich zunächst jeden Tag ein neues Problem: Wie kann er es schaffen, Rhiannon zu treffen und zu sehen, obwohl er jedesmal Punkt Mitternacht Ort und Körper verlassen muss und nicht weiß, wo und in welchem Körper er erwachen wird. Und vor allem: Wird sie ihm seine verrückte Geschichte abnehmen? Wird sie ihm glauben?

Für Rhiannon sind die Probleme ungleich größer: Wie kann sie jemanden lieben, der jeden Tag ein anderer ist, der ihr mal als Mädchen, mal als Junge, mal als Heavy-Metal-Fan, als Drogensüchtiger, mal als Schwuler oder als illegale Hausangestellte gegenübertritt?

Mehr möchte ich von der Geschichte nicht verraten. A ist eine sympathische und gleichzeitig tragische Figur, seine Lebensweise weckt Mitgefühl. Er kann zwangsläufig keine festen Bindungen eingehen, niemand sorgt für ihn, er hat weder Freunde noch Familie. Und das wird auch zum Problem mit Rhiannon werden.

Und so werden quasi ganz nebenbei große Fragen des Lebens aufgeworfen, nach dem Wesen der Liebe, nach dem Verhältnis von Körper und Geist, nach dem, was einen Menschen oder eine Person eigentlich ausmacht. Ein großartiges Buch!

Danke an Werner Richter für den Tipp!


David Levithan: Letztendlich sind wir dem Universum egal. Aus dem Amerikanischen von Martina Tichy. Frankfurt am Main: Fischer  Verlag, 2014.
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel „Every Day“ bei Alfred A. Knopf, New York.


 

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